Interview mit Rainer Wimmer, Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung
23.07.2009
Der Bergmann als Ur-Metaller
Metall: Zu Beginn des Interviews einmal herzliche Glückwünsche zu Ihrer Wahl! Sie übernehmen die Gewerkschaft ja in einer besonders schwierigen Zeit – was können sich die Metaller von ihrem neuen Vorsitzenden erwarten?
Rainer Wimmer: Also der Wimmer Rainer ist ja ein arbeitsamer Typ und versucht sich auch mit all seiner Kraft durchzusetzen. Nachdem er in der jetzigen Situation ganz besonders viel Stehvermögen braucht, ist das auch ausgesprochen wichtig, weil ja die Zeiten alles andere als schön sind.
Metall: Sehen Sie bei Ihren Verhandlungen in der jetzigen Situation eine besondere Herausforderung bzw. sogar eine Chance?
Wimmer: Ich glaube, dass die Krise nicht dazu angetan ist, enorm offensiv zu wirken. Nachdem sowohl die GMTN (Anm.: Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung) als auch ich als berechenbare und verantwortungsvolle Verhandlungspartner bekannt sind, ist das natürlich ein Punkt, den wir in der Krise besonders herausstreichen. Was uns aber natürlich schon wichtig ist, ist, dass die Arbeitnehmer die Krise nicht allein auslöffeln sollen – und da werden wir besonders darauf schauen. Das fängt an bei der sozialpartnerschaftlichen Umsetzung der Kurzarbeit, da sie jenes Krisenbekämpfungselement darstellt, bei dem die Last auf drei Säulen aufgeteilt wird, also auf Arbeitnehmer, AMS und Arbeitgeber. Für uns ist es schon wichtig, die Krise zu bewältigen – aber eben nur, wenn man das auch gemeinsam will und auch zusammen hilft.
Metall: Wie stehen Sie generell zum Thema Kurzarbeit in der Metallverarbeitenden Industrie?
Wimmer: Es ist ein ganz bedeutendes Werkzeug und hilft uns in sehr weiten Bereichen zum jetzigen Zeitpunkt. Wir haben derzeit rund 50.000 Beschäftigte in rund 300 Betrieben in unseren Branchen in Kurzarbeit und es funktioniert auch – relativ – gut.
Metall: In einem Kommentar meinten Sie, wir alle zahlen schon genug für die Konjunkturpakete der Regierung, es müsse jetzt langsam Schluss sein. Denken Sie, die Konjunkturpakete der Regierung greifen bereits?
Wimmer: Wir merken, dass Teile des jetzt bestehenden Konjunkturpakets greifen; was wir aber auch merken, ist, dass viele Betriebe immer noch große Schwierigkeiten haben, an Geld zu kommen. Die Banken gehen sehr restriktiv mit Geldvergaben um und das ist auch ein wesentlicher Punkt, bei dem wir meinen, dass wenn der Staat schon so viel Geld in die Hand nimmt, um die einzelnen Banken zu stützen, dann ist das ja auch ein wesentlicher Grund, um bei der Kreditvergabe zu den Unternehmen hin flexibler zu sein. Das ist ein wesentlicher Kritikpunkt von uns, da wir aus den Betrieben, bei denen unsere Leute Âbeschäftigt sind, dauernd hören, wie schwer es den Firmen fällt, an Geld von Banken zu kommen. Es ist wirklich sehr, sehr Âschwierig.
Metall: Was könnte die Gewerkschaft hier unternehmen?
Wimmer: Wir können nur an die verantwortlichen Minister und Banker appellieren, dass – wenn die Banken schon Geld vom Staat in Anspruch nehmen – man auch schauen muss, dass das Geld auch an die Firmen weitergegeben wird, die es brauchen.
Metall: Stichwort staatliche Hilfe: Hannes Androsch stammt ja aus Ihrer Partei, der SPÖ. Jetzt hat aber gerade er in den vergangenen Monaten 1000 Mitarbeiter von 1600 abgebaut. Wie denken Sie darüber?
Wimmer: Hannes Androsch ist Sozialdemokrat, aber er ist auch Unternehmer. Ich gehe mal davon aus, dass diese nun betroffenen Betriebe, nicht unbedingt aus der Krise heraus verlagert werden, sondern ich glaube schon, dass jene Arbeitsplätze, die jetzt abwandern, aus strukturbedingten Gründen zum jetzigen Zeitpunkt verlagert werden. Ich will es ja nicht direkt unterstellen, aber es ist sicher zum jetzigen Zeitpunkt einfacher, einen Strukturwandel an manchen StandÂorten zu beschleunigen.
Metall: Im Herbst wird es eine neue Lohnrunde geben. Was darf man sich davon – in Zeiten wie diesen – erwarten?
Wimmer: Ich glaube, es ist ganz wichtig festzuhalten, dass darüber Einigkeit besteht, dass die Krise auch nachfragebedingt ist. Wenn wir wissen, dass zum jetzigen Zeitpunkt der private Konsum die einzige Triebfeder unserer Konjunktur ist, dann heißt das, dass wir verantwortungsvoll in diese Lohnverhandlungen gehen, aber eine Nulllohnrunde wird es mit uns nicht geben. Um unseren Konsum aufrechterhalten zu können, brauchen wir einen realen Zuwachs – und wir gehen davon aus, dass wir diesen in konstruktiven Verhandlungen auch erreichen werden. Dies vor allem auch daher, da wir aus Erfahrung wissen, dass ein Lohnverzicht keine Arbeitsplätze sichert. Das wird es also definitiv nicht geben.
Metall: Wie man Ihrem Lebenslauf entnehmen kann, waren Sie ja bereits Elektriker, Bürgermeister von Hallstadt, über 15 Jahre SPÖ-Mitglied im Parlament sowie Chef der Gewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss. Was befähigt Sie Ihrer Meinung nach die Metaller zu vertreten?
Wimmer: Was in Ihrer Aufzählung nicht drinsteht: Ich komme ursprünglich aus dem Bergwerksbereich, im Speziellen aus der salzerzeugenden Industrie. Ich bin Bergmann und Grubenelektriker – also eigentlich ein Ur-Metaller, wenn Sie so wollen. Und was mich zur Führung der Gewerkschaft befähigt, hat eigentlich mit einem demokratischen Prozess innerhalb unserer Gewerkschaft zu tun: Die Funktionäre haben gesagt, ich soll es machen, haben mich dazu befähigt und werden mich nun auch am Gewerkschaftstag dazu vorschlagen – als einzigen Kandidaten, wie man hört. Ich glaube, dass ich auf sehr lange gewerkschaftliche Erfahrung zurückschauen kann – also nicht als aus dem Apparat stammend, sondern aus dem anderen Bereich, aus Funktionärssicht –, und das ist, glaube ich, sehr gut.
Metall: Ab Ende 2009 soll zur Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung auch noch die Chemie dazukommen und die Gewerkschaft in „pro.ge“ (Produktionsgewerkschaft) umbenannt werden. Ist dieser Branchenmix nicht etwas zu breit gestreut, um die Interessen der Einzelnen ideal vertreten zu können?
Wimmer: Naja, wir sind sehr gut strukturiert und es macht ja nicht einer alles, sondern das wird in den einzelnen Divisionen gemacht, in denen die Branchen vertreten sind. Und das funktioniert sehr gut so. Es gibt aber mit der Chemie auch bereits sehr viele Überschneidungen. Es gibt aber insgesamt einen Konzentrationsprozess, den man in den letzten Jahren schon beobachten konnte. Das ist einfach eine normale Strukturentwicklung, bei der sich Gewerkschaften zusammenfinden, um an Schlagkraft zu gewinnen.
Metall: Zum Abschluss möchten wir Ihnen noch die Gelegenheit bieten, unseren Lesern etwas mitzuteilen, das Ihnen persönlich besonders wichtig ist. Was wäre das?
Wimmer: Ich bin ein sehr sozialdemokratisch geprägter Mensch, der auf das Prinzip der Sozialpartnerschaft als österreichisches Vorbild – auch für das Ausland – schwört. Für mich ist es ganz wichtig, dass man als Gesprächspartner auf gleicher Augenhöhe auf den anderen zugeht. Das haben wir meistens auch so erfahren. Man muss sich einfach zusammenreden und Lösungsansätze im Vorfeld finden – das ist ein ganz, ganz wichtiger Aspekt, auch in meiner zukünftigen Arbeit.
Metall: Wir bedanken uns für das Gespräch.
(Printausgabe)

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